soeben lese ich im Abendblatt,Verschiedene Wiener Zeitungen berichteten am 26. Februar über Busonis Entlassung durch das Wiener Konservatorium wegen zu langer Abwesenheit (Neue Freie Presse, Abendblatt, S. 3f., Die Zeit, Abendblatt, S. 2).
was sich zugetragen hat, und bin
empört über das Vorgehen der
Direktion des Konservatoriums.
Ich habe keinen Ausdruck dafür
und bin für Wien von Scham
erfüllt. Wenn man mit so
hochstehenden Künstlern in dieser unqualifizierbaren Art
umgeht, dann ist man wirklich
wert, dass man nur schuhlederne
Schulmeister gewinnt, die selbst
vertrocknet alles verdorren lassen.
In meine Entrüstung mischt sich
tiefer Schmerz, Sie zu verlieren,
und auch Sorge, da ich lese, dass
Sie krank gewesen sind.Im von der Presse zitierten Brief Busonis verweist dieser auf seine Erkrankung und die deswegen entfallene Februar-Reise nach Wien (nebst Konzertabend).
Bitte um ein Wort, wie es Ihnen
geht, wenn Sie nicht Zeit haben,
ist Ihre liebe Frau, die ich innig grüße,
gewiss so gut, mir zu schreiben.
Ich ahne nicht, wo Sie sind, wünsche,
dass diese Zeilen, wo es auch sein
möge, Sie gesund antreffen und
Sie keinen Ärger, keine Aufregung
empfinden. Wenn so armselige
Kerle hier regieren und so
kunstlos wirtschaften, dann wäre
es Sünde gewesen, Sie hier zu
halten. Sie verlieren nichts, im
Gegenteil; für uns aber ist
der Verlust unendlich, und
niemand kann denselben stärker
fühlen wie ich.
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2Diplomatic transcription
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umgeht, dann ist man wirklich
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Schulmeister gewinnt, die selbst
vertrocknet alles verdorren lassen[.]
In meine Entrüstung mischt sich
tiefer Schmerz Sie zu verlieren
und auch Sorge, da ich lese, dass
Sie krank gewesen sind.Im von der Presse zitierten Brief Busonis verweist dieser auf seine Erkrankung und die deswegen entfallene Februar-Reise nach Wien (nebst Konzertabend).
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<p rend="indent-first">Ihre Schüler werden Ihnen
<lb/>nachziehen, des bin ich sicher; wie heißt
<!-- wer ist Busoni nach Berlin gefolgt? -->
<lb/>nur der <choice><orig>E</orig><reg>e</reg></choice>ine<reg>,</reg> von dem Sie
<lb/>gesprochen, der so begabt ist<reg>,</reg> und
<lb/>wie ist seine Adre<choice><orig>ß</orig><reg>ss</reg></choice>e? Es war ein polnischer
<lb/>Name.
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Ist Aussicht, dass wir uns
<lb/>dieses Frühjahr sehen?
<note type="commentary" resp="#E0300314"><persName key="E0300017">Busoni</persName> kehrte bereits im <date when-iso="1908-03">März</date> nach <placeName key="E0500002">Wien</placeName> zurück (vgl. den <ref target="#D0102138">folgenden Brief</ref>).</note>
Wie sind Ihre
<lb/>Pläne? Nochmals viel Liebes an
<lb/><persName key="E0300059">Frau <seg rend="latin">Gerda</seg></persName> und die besten Grüße. <seg type="closer" subtype="salute">In
<lb/>alter Freundschaft</seg> <seg type="closer" subtype="signed"><persName key="E0300819">Jella Oppenheimer</persName></seg>
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Deutschland | Berlin | Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz | Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv | Nachlass Ferruccio Busoni | Mus.Nachl. F. Busoni B II, 5471 |
Oppenheimer hat von Busonis Entlassung am Wiener Konservatorium aus der Presse erfahren, ist entrüstet und beschämt; erkundigt sich nach der Adresse eines der Meisterklassen-Schüler.
Letter by Jella Oppenheimer to Ferruccio Busoni (Vienna, 26 February 1908), prepared by Christian Schaper, in: Briefwechsel Ferruccio Busoni – Jella Oppenheimer, edited by Christian Schaper and Ullrich Scheideler, Berlin: Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, May 2023: Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, https://busoni-nachlass.org/D0102142 (August 23, 2025: proposed)
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<title xml:lang="de">Brief von Jella Oppenheimer an Ferruccio Busoni (Wien, 26. Februar 1908)</title>
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<title type="main">Ferruccio Busoni – Briefe und Schriften</title>
<title type="genre">Briefe</title>
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<handNote xml:id="major_hand" scope="major" medium="violet_ink" scribe="author" scribeRef="#E0300819">Hand des Absenders Jella Oppenheimer, Brieftext in lilafarbener Tinte, in deutscher Kurrentschrift</handNote>
<handNote xml:id="archive" scope="minor" medium="pencil" scribe="archivist">Hand des Archivars, der mit Bleistift die Signaturen eingetragen hat</handNote>
<handNote xml:id="dsb_st_red" scope="minor" medium="red_ink" scribe="archivist">Bibliotheksstempel (rote Tinte)</handNote>
<handNote xml:id="unknown_hand" scope="minor" medium="black_pen" scribe="unknown">unbekannte Hand, die auf dem Umschlag die ein Nummer mit schwarzem Stift notiert hat</handNote>
<handNote xml:id="unknown_hand2" scope="minor" medium="blue_grey_pen" scribe="unknown">unbekannte Hand, die auf dem Umschlag die ein Nummer mit blau-grauem Stift notiert hat</handNote>
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<p>Worttrennungen an Zeilenumbrüchen im Original mit Doppelbindestrichen (⸗).</p>
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<p>Alle im Text vorkommenden Interpunktionszeichen wurden beibehalten und werden in der diplomatischen Umschrift wiedergegeben. Bei Auszeichnung durch XML-Elemente wurden umgebende Satzzeichen nicht mit einbezogen.</p>
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<p>Anführungszeichen wurden i. d. R. nicht beibehalten; die Art der Zeichen wurde im Attribut <att>rend</att> der entsprechenden Elemente codiert.</p>
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<p>Die Übertragung folgt den Editionsrichtlinien des Projekts. <ptr target="http://www.busoni-nachlass.org/E1000003"/></p>
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<lb/>alter Freundschaft</seg> <seg type="closer" subtype="signed"><persName key="E0300819">Jella Oppenheimer</persName></seg>
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